Flug LX316, Zürich - London. Der Flug verläuft ruhig. Keine Turbulenzen, keine blinden Passagiere die in überfliegte Wälder fallen. Einzig der Passagier vor mir ist ein wenig nervös. Ein schweizer Banker, verheiratet, anfangs 40. Trotz silberem Nadelstreifenanzug wirkt er nicht wirklich gepflegt mit seinem unrasierten Gesicht, in welchem bei genauerem Betrachten einige Ansätze von Falten zum Vorschein kommen. Auch seine mit Schuppen übersäten Haare hinterlassen einen eher ungepflegten Eindruck. Der, wie erwähnt ein wenig aufgeregte, IWC-Uhrenträger versucht offenbar, an seinem Sitznachbar vorbeizukommen. Am erschlafften Haupt dessen wird jedoch erkennbar, dass dieser offensichtlich ein Nickerchen hält. Ein rational normal denkender Mensch mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein hätte wohl dem Nachbarn einfach einen kleinen Schubs gegeben. Nicht so der vor mir Sitzende. Der Börsenkundler unternimmt infolge dessen mehrere Versuche, seinen Sitznachbarn aufzuwecken. Der erste Versuch, den Schlafenden ca. 4 Minuten lang streng und direkt anzustarren, scheitert kläglich. Doch unser Opfer gibt natürlich noch nicht auf und wedelt mit einer Aktenmappe ein wenig vor dem Fenster hin und her, in der Hoffnung, sein Nachbar erwache durch das Wechselspiel von Sonne und Schatten. Doch nix da, es wird fröhlich weitergeträumt. In voller Verzweiflung probiert sich der Banker nun Gehör zu verschaffen, indem er mit seinen Zeitungen ein wenig Krach macht. Offenbar jedoch zu wenig, er hat sein Ziel ein weiteres Mal verfehlt. Der offensichtlich resignierte Finanzangestellte gab schliesslich auf und blieb bis zur Landung in London auf Seat Nr. 9F sitzen. Die Moral von der Geschicht? Ein teurer Nadelstreifenanzug macht aus einem scheuen Rehlein noch lange keinen selbstbewussten Tiger.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen